Über die Jagd nach Tatortspuren in der unsichtbaren Welt
Von Reinhard Leprich, BMI I/5-Onlineredaktion
Presseaussendung BM.I Bundesministerium für Inneres
Nr: 15684 vom Montag, 19. März 2018, 10:14 Uhr.
Kriminaltechniker und Biologe Dr. Michael Kozlik an seinem Arbeitsplatz im Bundeskriminalamt.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
»Man kann eine Tat noch so gut planen, es wird immer ein Transfer an Mikrospuren erfolgen«, sagt Dr. Michael Kozlik, Kriminaltechniker im Bundeskriminalamt. Und begibt sich in der aufregend-spektakulären Welt unter dem Mikroskop auf die Jagd nach Tatortspuren.
»Bei jeder Tat findet ein Transfer an Mikrospuren wie DNA, Textilfasern oder Haaren zwischen Täter, Opfer und Tatort statt. Die Aufgabe der Tatortarbeit ist es, diese Spuren zu finden und zu sichern, die Aufgabe der Kriminaltechnik ist es, sie wissenschaftlich auszuwerten«, sagt er. »So werden Sachbeweise generiert, die einen Zusammenhang zwischen Täter und Opfer schaffen.
Selbst kleinste Spuren können wir mikroskopisch untersuchen.«
Textilfasern und Haare werden an speziellen Mikroskopen untersucht.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Er komme von der akademischen Seite, sagt er, habe keine polizeiliche Vorbildung. Studierte Geowissenschaften an der Universität Innsbruck, mit der Spezialisierung in Mineralogie. Vier Jahre lang arbeitete er an der Montanuniversität Leoben, verfasste seine Promotion im Bereich Rohstoffmineralogie.
Faserspuren müssen vor der mikroskopischen Untersuchung aus dem
Polizeispuren- sicherungsband auf Glasobjektträgern präpariert werden.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Für die erste Untersuchung von Textilfasern sowie von mineralogischen und
biologischen Spuren eignet sich ein Stereomikroskop mit ca. 60-facher Vergrößerung.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
»Das war der Grund, warum ich 2016 im Bundeskriminalamt gelandet bin, weil auch mineralogische Untersuchungen in das Referat für Biologie und Mikroskopie fallen, und die Kriminaltechnik im Bundeskriminalamt ihre Kompetenzen im Bereich der Geologie und Mineralogie ausbauen wollte«, sagt Dr. Michael Kozlik, Leiter des Referats 6.2.4 (Biologie und Mikroskopie) im Bundeskriminalamt.
Textilfaseruntersuchungen
Faserspuren werden mit einer Pinzette unter dem Stereomikroskop
auf einen Glasobjektträger präpariert.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Im Referat »Biologie und Mikroskopie« sind fünf Mitarbeiter spezialisiert auf Textil- und Faseruntersuchungen, die Untersuchung von Schmauchpartikeln sowie mineralogische und sonstige biologische Untersuchungen. »Textilfasern werden vor allem bei schweren Gewaltdelikten wie Mord, Raub oder Vergewaltigungen untersucht, wo es zu einem physischen Kontakt zwischen Täter und Opfer gekommen ist.
Bei der forensischen Untersuchung von Textilfasern und Schmauchpartikeln
kommen verschiedene Chemikalien zum Einsatz.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Aber auch bei Verkehrsunfällen können Textilfasern den entscheidenden Hinweis liefern«, sagt Kozlik. »Am Tatort werden von den Tatortbeamten Faserspuren mit einem Polizeisicherungsband oder einer Pinzette gesichert und zur Untersuchung ins Labor geschickt – dieses wird von uns mikroskopisch durchmustert«, sagt Kozlik. »Wenn ich weiß, dass der Täter zum Tatzeitpunkt eine bestimmte Weste mit roten Fasern getragen hat, suche ich nach solchen Fasern, präpariere sie heraus.« Das bedeute, die Fasern werden auf einen kleinen Glasobjektträger gebettet und unter dem Hochleistungsmikroskop bei etwa 400-facher Vergrößerung angesehen.
Wird von Tatortbeamten die Bekleidung eines Verdächtigen zur Untersuchung
ins Labor geschickt, muss diese an penibel gereinigten und spezielle
ausgestatten Arbeitsplätzen untersucht werden.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
 »Ich kann Eigenschaften der Faser bestimmen wie Mattierungsgrad, Querschnitt, Durchmesser oder eventuelle Auflagerungen. Ich kann die Faser bei polarisiertem Licht betrachten, kann mir die Fluoreszenzeigenschaften ansehen und den Farbstoff spektroskopisch messen.«
Textilbildvergleiche
Dr. Michael Kozlik untersucht die Bekleidung eines Verdächtigen.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
»Werden beispielsweise bei einem Raubüberfall auf eine Tankstelle Fotos von einer Überwachungskamera gemacht, wo man das Gesicht nicht deutlich erkennen kann, können wir die Kleidung eines Verdächtigen, der festgenommen worden ist, mit den Bildern aus der Kamera vergleichen, und daraus Rückschlüsse ziehen, ob der Verdächtige für die Tat in Frage kommt«, sagt Kozlik.
Mit Hilfe eines Polizeisicherungsspurenbandes
werden Faserspuren vom Textil im Labor gesichert.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Beim Sichern von Faserspuren ist äußerste Sorgfalt notwendig.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Jeder Mensch habe einen anderen Körperbau, einen anderen Gang, und damit charakteristische Falten in der Kleidung. Je länger ein Anorak getragen werde, desto eindeutiger seien die Falten, die sich in dem Textil abbilden. Ein Riss sei immer charakteristisch, man werde kein Kleidungsstück mit demselben Riss finden, oder eine Verunreinigung, einen Aufnäher, sagt der Biologe.
Schmauchpartikeluntersuchungen
Schmauchteilchen unter dem Rasterelektronenmikroskop.
© Polizei Brandenburg - polizei.brandenburg.de
»Wird eine Schusswaffe abgefeuert, werden durch die Umsetzung der Munition Schmauchpartikel an den Händen und der Kleidung des Schützen abgelagert«, sagt der Biologe. »Wir sehen uns diese Schmauchpartikel unter einem Rasterelektronenmikroskop an und können dann bei ca. 10.000-facher Vergrößerung die Morphologie und die chemische Zusammensetzung des nur wenige Tausendstelmillimeter kleinen Partikels bestimmen.
Schmauchverteilungsbild, chemisch sichtbar gemacht.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Durch den Nachweis von Schmauchpartikeln an den Händen eines Verdächtigen können wir dann eine Aussage darüber treffen, ob dieser kürzlich eine Schusswaffe abgefeuert, beziehungsweise mit einer hantiert hat.«
Wird manchmal auch an Tatorten ermittelt?
Für die Untersuchung großer Objekte wie Bekleidung oder Fahrzeugteile
kommt ein Operationsmikroskop mit Ausleger zum Einsatz.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Ein Großteil der Akte komme entweder von den Tatortgruppen, die die Spuren am Tatort sichern, oder wenn eine Untersuchung von der Staatsanwaltschaft angeordnet werde. »Ich kann mich an einen Fall erinnern, wo ein Kollege in einem Haus eines Verdächtigen Faserspuren sichern musste, weil am Tatort kaum verwertbare Spuren gesichert werden konnten. Da war das Spezialwissen von uns erforderlich. Der Kollege hat dann beim Flusensieb des Wäschetrockners und in der Wachmaschine Spuren gesichert. Aber das ist eher die Ausnahme. Da sind Kollegen von anderen Fachbereichen wesentlich öfter an Tatorten, etwa die Brandursachenermittler.«
Kriminaltechnik im Bundeskriminalamt
Hightech-Geräte wie das Rasterelektronenmikroskop
kommen bei Untersuchungen von Schmauchpartikeln zum Einsatz.
© BMI Bundesministerium für Inneres / Gerd Pachauer
Das Referat »Biologie und Mikroskopie« gehört wie die Bereiche »Chemie«, »Physik«, sowie »Urkunden und Handschriften-Untersuchungen« zum Büro 6.2 (Kriminaltechnik) im Bundeskriminalamt. In der Kriminaltechnik arbeiten insgesamt 58 Expertinnen und Experten. Über 37.000 Analysen wurden 2017 durchgeführt. Beispielsweise wurden knapp 6.000 Suchtmittel untersucht, 390 Schusswaffen, mehr als 1.500 Urkunden, knapp 2.400 Fasern in knapp 30 Fällen und 96 Brände.
Ein Jahr zuvor waren es noch 32.000 Analysen.
Von Reinhard Leprich, BMI I/5-Onlineredaktion
Presseaussendung BM.I Bundesministerium für Inneres
Nr: 15684 vom Montag, 19. März 2018, 10:14 Uhr.
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